Umkehrungen: Wie du jeden Tag wertvolle Schätze entdecken kannst

Du hast die Methode The Work of Byron ausprobiert, weil du dachtest, dass sie einfach sei und dir Gelassenheit, Klarheit und inneren Frieden brächte.

 

Stattdessen hast du den Eindruck, dass du jetzt eine weitere Methode kennst, die ziemlich anstrengend ist und nicht richtig funktioniert. Du weißt nicht, ob es an dir liegt oder an deinen Umkehrungen*, aber manchmal ergeben diese Umkehrungen einfach keinen Sinn. Wie soll das funktionieren, für das Gegenteil irgendeiner Aussage drei wahre Beispiele zu finden? Das ist doch Quatsch! Oder?

 

In einem meiner Wochenendseminare hat einmal eine Teilnehmerin folgenden Satz überprüft: Ich brauche von ihm, dass er sein Auto umparkt. Sie war wütend, weil auf ihrem Arbeitsweg jemand in zweiter Spur geparkt hatte. Sie war mit dem Rad unterwegs und sah sich durch das parkende Auto behindert und in Gefahr gebracht. Sie hat den Gedanken zu sich umgekehrt: Ich brauche von mir, dass ich mein Auto umparke. »Das ist totaler Blödsinn - ich habe doch gar kein Auto.« war ihr erster Kommentar zu dieser Umkehrung.

 

Langsam. Atme tief durch, schließe die Augen und male dir aus, dass du in ihrer Situation wärst. Wie kann das wahr sein: Ich brauche von mir, dass ich mein Auto umparke? (Und ich besitze überhaupt kein Auto.) Lass dir Zeit. Wenn du schnell antwortest, antwortest du mit dem, was du schon weißt. Du willst doch etwas Neues entdecken, oder?

 

Ich teile mein Beispiel mit dir. Ich erinnere mich an eine ähnliche Situation, die ich selbst erlebt habe. Ich brauche von mir, dass ich mein Auto umparke, und zwar das Auto in meinem Kopf. Seitdem ich mit dem Rad um dieses Auto herum gefahren bin, denke ich immer wieder daran und ärgere mich. Ich sehe das Auto in Gedanken groß und stur an dieser Stelle stehen. Ich brauche von mir, dass ich mein Auto (dieses große, störende Auto in meinen Gedanken) endlich umparke und aufhöre, mich aufzuregen. Das ist für mich viel wahrer als der Ausgangssatz, denn ich rege mich jedes Mal wieder ein bisschen auf, wenn ich an das parkende Auto denke. In der Realität ist das Auto wahrscheinlich längst umgeparkt und ich ärgere mich trotzdem noch. Was fallen dir für Beispiele ein?

 

Warum suchen wir Beispiele für die Umkehrungen? Unser Gehirn ist so gemacht, dass es uns ständig Beweise dafür liefert, dass wir recht haben. Wenn ich glaube, dass andere mich ablehnen, dann interpretiere ich das Verhalten anderer schnell als Ablehnung und fühle mich bestätigt. Meine Überzeugung verstärkt sich. Wenn andere mich nicht ablehnen, fällt mir das nicht so sehr auf. Wenn wir Beispiele suchen, machen wir Raum dafür, unseren Blickwinkel zu erweitern. Wir versuchen aktiv, Belege bzw. Beispiele zu finden, die unserer Überzeugung entgegen laufen. Deshalb ist das auch anfangs so schwer. 

 

Wenn du Beispiele suchst, sei wie ein Schatzsucher. Nimm dir Zeit, die Umgebung abzusuchen. Rechne nicht damit, dass es schnell geht und total easy ist. Du weißt, dass ein Schatz vergraben ist, also kannst du auch ein bisschen Zeit und Mühe investieren, ihn zu finden. Und wenn du einen gefunden hast, dann findest du den nächsten schon leichter.

 

Bald ist wieder Weihnachten. Für viele Menschen ist dieses Fest im Kreise ihrer Lieben nicht unbedingt friedlich. So ging es mir letzte Weihnachten auch. Ich habe mich mit meiner Schwester gestritten. Ich habe in diesem Streit geglaubt, dass sie mich ablehnt und nicht respektiert. Auf dem Arbeitsblatt Urteile über deinen Nächsten, das ich über die Situation geschrieben habe, stand unter anderem der Satz: Ich will, dass sie mich respektiert.

 

Man könnte versucht sein zu denken, dass das natürlich wahr ist. Wie kann die Umkehrung »Ich will nicht, dass sie mich respektiert.« wahr sein? Jeder möchte doch respektiert werden, oder? Ich habe mich still hingesetzt und habe in mich gelauscht, was für Beispiele für die Umkehrung auftauchen. Ich möchte dir im Folgenden zeigen, welche Beispiele ich für mich gefunden habe.

  • Ich habe mich, im Nachhinein betrachtet, nicht besonders nett verhalten. Ich war kurz angebunden, kalt, ärgerlich und herablassend. Ich will nicht, dass sie mich dafür respektiert. Ich respektiere mich selbst dafür nicht. Wenn ich das nicht kann, warum sollte sie das können?
  • Wenn sie mich nicht respektiert, dann merke ich, wo ich stehe. Bin ich von ihrem Respekt abhängig? Oder bin ich davon unabhängig? Die Chance, das zu merken, habe ich nur, wenn sie mich nicht respektiert.
  • Ich muss das nicht wollen. Sie spricht mit mir, sie streitet mit mir. Sie feiert mit mir gemeinsam Weihnachten. Natürlich respektiert sie mich. Wer würde so viel Zeit und Mühe auf jemanden verschwenden, den er oder sie nicht respektiert?
  • Auf eine gewisse Weise geht es mich nichts an, ob sie mich respektiert oder nicht. Ich kann es auch - glücklicherweise - nicht kontrollieren. Das ist ihre Angelegenheit. Es tut mir weh, wenn ich will, dass sie mich respektiert und sie tut es nicht. Ich habe nur eine begrenzte Menge an Zeit und Aufmerksamkeit. Ich will diese Zeit und Aufmerksamkeit lieber mit meinen Angelegenheiten verbringen, die ich beeinflussen kann.
  • Wenn ich will, dass sie mich respektiert, versuche ich sie zu manipulieren. Deshalb will ich das nicht.
  • Respekt hat man vor Lehrern. Ich will nicht, dass sie mich respektiert. Ich will, dass sie mich liebt. Das ist näher an der Wahrheit.
  • Ich will nicht, dass sie mich respektiert. Was ich eigentlich will: Ich will, dass ich mich respektiere. Wenn ich mich respektiere, dann ruhe ich in mir, unabhängig davon, ob meine Schwester mich in diesem Moment respektiert oder nicht. Andersherum gilt das nicht: Ihr Respekt kann meinen eigenen nicht ersetzen. 

Für mich lohnt es sich, die Perspektive zu wechseln und neue Blickwinkel zu entdecken. Ich fühle mich meiner Schwester gegenüber friedlich, ohne dass sie etwas dafür tun muss. Es ist meine Aufgabe, für meinen Frieden zu sorgen, und mit The Work of Byron Katie habe ich eine praktische und pragmatische Methode, das zu tun. Die Beispiele sind für mich Schätze, die ich jeden Tag finden kann, wenn ich still werde und geduldig bin.

 

Nun zurück zu dir. Was ist das überraschendste Beispiel, das du bisher gefunden hast? Findest du es schwer oder leicht, Beispiele für deine Umkehrungen zu finden? Wo bleibst du hängen? Gibt es eine Umkehrung, für die du überhaupt kein Beispiel siehst? Erzähl mir in den Kommentaren davon! Ich bin gespannt darauf, von deinen Erfahrungen zu hören.

 

 

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*Für alle, die sich noch nicht mit THE WORK beschäftigt haben: Wir betrachten bei der Methode THE WORK stressvolle Überzeugungen, zum Beispiel »Sie liebt mich nicht.« Nachdem wir 4 einfache Fragen beantwortet haben, kehren wir die Überzeugung auf drei verschiedene Arten um. Aus »Sie liebt mich nicht.« wird dann »Ich liebe mich nicht«, »Ich liebe sie nicht.« und »Sie liebt mich.«

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